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Freitag, 13. Mai 2016

Übergriffe auf christliche Flüchtlinge: Bischof Zsifkovics wirft Behörden Versagen und Ignoranz vor

Scharfe Kritik von Migrations- und Flüchtlingsbischof Zsifkovics im "Radio Vatikan"-Interview anlässlich massiver Übergriffe auf christliche Flüchtlinge, die laut einer Studie besonders häufig Opfer von Gewalt und Diskriminierung von anderen, vielfach muslimischen Mit-Flüchtlingen sind: "Das ist ein erschreckendes Armutszeugnis – für behördliches Management, für den Realitätssinn mancher Politiker", so der Bischof, der von einer "Schweigespirale der Ignoranz" spricht

Mit scharfer Kritik und deutlichen Worten reagiert der Eisenstädter Diözesanbischof Ägidius J. Zsifkovics, zugleich der für Flucht, Migration und Integration zuständige Bischof in der Österreichischen Bischofskonferenz, auf die in einer jüngsten Studie belegten massiven Übergriffe auf christliche Flüchtlinge in deutschen Flüchtlingsheimen. "Das ist ein erschreckendes Armutszeugnis – für das behördliche Management in europäischen Staaten, aber auch für den Realitätssinn mancher Politiker, die wie die drei Affen nichts sehen, hören und sagen wollen", so der Bischof im Interview mit "Radio Vatikan", das am Donnerstag in deutscher und kroatischer Sprache gesendet wurde.



Studie belegt massive Übergriffe
Das überkonfessionelle Hilfswerk "Open Doors" präsentierte eine Studie, in der Menschenrechtler 231 Fälle aus Deutschland dokumentieren, in denen christliche Flüchtlinge größtenteils aus religiösen Gründen Opfer von Diskriminierung und Körperverletzung bis hin zu sexuellen Übergriffen und Todesdrohungen geworden sind. Von den 231 Flüchtlingen seien 204 Opfer religiös motivierter Übergriffe und Gewalt durch das – oftmals muslimische – Sicherheitspersonal und durch Mit-Flüchtlinge. Etwa die Hälfte der Befragten gab Verfolgung durch das Wachpersonal an, in Berlin waren es zwei Drittel. Drei Viertel berichteten von mehrfachen Übergriffen, am häufigsten in Form von Beleidigungen (gegenüber 96 Personen) und Körperverletzungen (86 Personen). 73 Personen gaben an, Todesdrohungen gegen sich oder ihre Familien erhalten zu haben.

Dass Übergriffe auf christliche Flüchtlinge nicht allein auf Deutschland beschränkt, sondern auch in Österreich traurige Realität sind, verdeutlichen Berichte, die der "Christian Solidarity International" (CSI) vorliegen. Demnach werden christliche Flüchtlinge auch in österreichischen Flüchtlingseinrichtungen oftmals von (andersgläubigen) Mit-Flüchtlingen herabgewürdigt, beleidigt oder gar mit dem Tod bedroht, wie CSI-Generalsekretär Elmar Kuhn in einer Pressemitteilung am Donnerstag betonte.

Bischof Zsifkovics: "Erschreckendes Armutszeugnis"
"In nahezu allen islamischen Ländern im Nahen Osten, in Asien und Afrika werden Christen wie ‚Bürger zweiter Klasse‘ behandelt und sind oft schutzlos den Behörden oder der Mehrheitsbevölkerung ausgeliefert. Dass nun aber auch die Christen, die nach Deutschland, Österreich und andere Länder geflüchtet sind, in Asylunterkünften Ausgrenzung und Bedrängung aufgrund ihres Glaubens erfahren und vielleicht sogar noch den Peinigern begegnen, vor denen sie eigentlich geflohen sind, ist ein erschreckendes Armutszeugnis", so Bischof Zsifkovics wörtlich gegenüber "Radio Vatikan".

Schweigemantel über größter Christenverfolgung der Geschichte
Der für Flucht, Migration und Integration zuständige Bischof spricht offen von behördlichem Missmanagement, aber auch von einer weit verbreiteten "zivilen Ignoranz" gegenüber der Verfolgung von Christen. "Weltweit werden derzeit rund 100 Millionen Christen verfolgt, alle fünf Minuten wird ein Christ wegen seines Glaubens getötet. Vor den Augen der Weltöffentlichkeit ereignet sich die zahlen- wie flächenmäßig umfangreichste Christenverfolgung der Geschichte", betont Bischof Zsifkovics. Umso unverständlicher sei das "weit verbreitete Schweigen", das in Österreich und in den meisten westlichen Ländern vorherrsche. Diese "Schweigespirale der Ignoranz", diese "seltsame moralische Blindheit" gegenüber massiven Menschenrechtsverletzungen gegen Christen in aller Welt – und nun auch in heimischen Asylzentren – dürfe nicht einfach hingenommen werden, machte der Bischof klar.

Keine Parallelgesellschaften, klare behördliche Signale
Nichts hält der Bischof von einer kategorischen Trennung zwischen christlichen und muslimischen Flüchtlingen in der Unterbringung, da eine solche dem Bestreben einer Integration konterkarieren und die Bildung von Parallelgesellschaften nähren würde, zumal die Bedingungen, Bestimmungen, Normen und Werte des Rechtsstaats allen und damit auch den muslimischen Migranten zumutbar seien. Wohl aber plädiert Bischof Zsifkovics für eine "sinnvolle Rücksichtnahme auf kulturelle und religiöse Traditionen bei der Unterbringung".
Was sich der Bischof nachdrücklich erwarte, sei ein "klares Signal des Staates und der Behörden. Hier braucht es klare, unmissverständliche Anweisungen bei der Aufnahme in den Asylzentren, eine erklärte Null-Toleranz gegenüber Übergriffen und ein effektives Management mittels eines genauen Monitorings. Speziell geschultes, unabhängiges Personal in den Asylzentren etwa müsste präventiv und reaktiv tätig werden können", fordert Flüchtlingsbischof Ägidius Zsifkovics.

Kein "Gegeneinander-Ausspielen" von Muslimen und Christen
Zugleich warnt er jedoch auch vor falschen Simplifizierungen: Denn die Gleichsetzung von "christlich ist gleich leicht integrierbar und muslimisch ist gleich schwerer integrierbar entspricht nicht der Komplexität der Wirklichkeit. Die Bischöfe aus Syrien und Irak, die ich im Februar zur internationalen Flüchtlingskonferenz nach Stift Heiligenkreuz eingeladen habe, haben darauf aufmerksam gemacht, dass auch die Integration christlicher Flüchtlinge in Europa nicht einfach werden wird. Hier gibt es sehr viele Unterschiede in der Kultur, in der Alltagskultur, etwa im Verhältnis zwischen Mann und Frau, aber auch im religiösen Ritus".

Gastfreundschaft darf nicht pervertiert werden
Die "Xenophilia", also die Gastfreundschaft, sei ein fundamentaler, bereits von den alten Griechen erkannter Wert, der wesentlicher Bestandteil eines humanen und humanitären Europas sei. Doch "Xenophilia" dürfe nicht mit "Idiotia", das heißt mit Ignoranz gleichgesetzt werden: "Asyl und Gastfreundschaft sind heilig. Aber diese Heiligkeit wird pervertiert, wenn sie an die Grundfesten dessen geht, der sie gewähren, garantieren und schützen soll", so Bischof Zsifkovics abschließend.

Den Web-Link zum "Radio Vatikan"-Beitrag mit Diözesanbischof Ägidius J. Zsifkovics finden Sie hier

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